356 Editorial

skelettbau: leicht, elegant, transparent

Viel Vergnügen beim Lesen wünscht Ihnen Roland Kanfer, Chefredakteur

Die Konstruktion sichtbar machen – das war das Anliegen der Vertreter der klassischen Moderne.

von: Roland Kanfer

Die Architektur sollte auf ihre wesentliche Funktion reduziert werden, eine Hülle für das Gebäudeinnere zu schaffen. Jegliches nicht notwendige, die konstruktiven Elemente eines Gebäudes lediglich schmückende Beiwerk wurde als unehrlich und falsch klassifiziert. Die gegen Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Entwicklungen der Baustoffindustrie, zuerst harter Stahl, dann Stahlbeton und großflächige Verglasungen, machten es möglich, dieses Konzept umzusetzen und auch in die Höhe zu bauen. Architekten wie Louis Henry Sullivan, Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe waren Vorreiter der Skelettbauweise. Der deutsche Pavillon für die Weltausstellung 1920 in Barcelona, entworfen von Mies van der Rohe, fasziniert durch seine Eleganz, Leichtigkeit und Transparenz und ist heute eine Architektur­ikone.
In den USA schuf Mies mit dem Sea­gram Building in New York 1958 erneut einen bis heute gültigen Standard für Skelettbauten – obwohl der Architekt beim sichtbaren Stahl­skelett aufgrund der Bauordnung Abstriche machen und die Konstruktion mit vertikalen Bronzelamellen verkleiden musste.
Mit der Renovierung der Neuen Nationalgalerie Berlin – von Mies van der Rohe eigentlich als Verwaltungsgebäude für Kuba gedacht und sein einziges Bauwerk in Deutschland nach 1945 – gelang einem zeitgenössischen Vertreter der Skelettbauweise, dem englischen Architekten David Chipperfield, eine sanfte und respektvolle Transformation der Stahl-Glas-Konstruktion ins Heute.
Spricht man heute von Skelettbauten, fällt den meisten sofort ein Name ein: Santiago Calatrava. Der Katalane ist bekannt für seine eleganten, der Statik scheinbar entfliehenden Konstruktionen. Die Fortschritte in der Baustofftechno­logie beschränken sich aber nicht nur auf Stahl oder Beton: Cross laminated timber oder Brettsperrholz, Anfang der 90er-Jahre in Deutschland und Österreich entwickelt, rückt die großformatige Skelettbauweise auch in Holz in den Fokus.

Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen – und: Bleiben Sie gesund!